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Freitag, 23. August 2013

Gammelsdorf und die Ritter

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Aber ich wollte als Kind immer ein Ritter werden, am liebsten ein schwarzer und ein ganz edler sowieso. Das schien mir der passende Beruf für ein so tugendsames Wesen wie mich. Dem Argument, dass ein Määäädchen niemals ein Ritter werden könne, bin ich stets mit einem lässigen Wedeln meiner Hand begegnet, manchmal mit einem kleinen Umweg über das Gesicht des also Feixenden. Leider musste ich irgendwann einsehen, dass die Zeit über meinen Berufswunsch hinweg gegangen und ich schlicht und einfach ein paar Jahrhunderte zu spät dran war. Nix mit Ritter.
Umso mehr Freude hatte ich an den aufkommenden Mittelaltermärkten und Ritterfesten. Schon etwas abgeklärt, erfreute ich mich am bunten Treiben, und dass all die Turniere nur gespielt waren, na ja.
Und nun, an Mariä Himmelfahrt, waren wir in Gammelsdorf, wo der 700. Jahrestag der Schlacht bei selbigem Ort begangen wurde (Ja, ja, in Bayern lässt man die Feste so fallen, wie man sie feiern will. Und zur Not tut es auch eine Schlacht, wenn man einen Grund zum Feiern sucht).
Und ein bisserl geschäftstüchtig ist man auch dort in Gammelsdorf - Schlachtenmerchandising:



Auf diesen Festen findet sich ja immer eine bunte Mischung aus Fantasykrimskrams und Dingen, die es tatsächlich schon im Mittelalter gegeben hat, mal mit mehr und meist mit eher weniger Liebe zum historisch authentischen Detail:




Sogar Seifen gab es auf diesem Markt. Die Alepposeifen durften, besser mussten, in der prallen Sonne schwitzen, tss, tss:



Die Jubiläumsseife zur Schlacht hat ziemlich gut geduftet, was mich ein klitzekleines bisschen verwundert hat; denn den Duft einer Ritterschlacht stelle ich mir als eine brutale Mischung aus Blut- und Schweißgeruch vor, natürlich von Mensch und Pferd, abgerundet durch den Odeur von ranzigem Fett, mit dem die Eisenrüstungen geschmiert waren, brrrr.



Aber, was soll's (Wenn's  schee macht und a Geld bringt). 
Die Stimmung war fröhlich und entspannt. Es gab richtig hübsche Kostüme, pardon, Gewandungen zu bestaunen und sogar grimmig bepelzte Haudegen entpuppten sich im luftigen Bierzelt als freundliche und sehr umgängliche Zeitgenossen mit einem netten Lächeln.



Vor den Verkaufsbuden wurden locker die Jahrhunderte überbrückt. Weihrauch und allerlei duftendes Räucherwerk haben ihre Anziehungskraft über die Zeit hinweg bewahrt.



Und die Ritter waren natürlich auch da. Mit allem Komfort - sieht das Zeltinnere nicht sooo gemütlich aus? Schaffelle auf dem Boden und Felle auf dem Bett. Ich stelle mir das kuschelig vor. Am liebsten hätte ich gefragt, ob ich mal ein kleines Nickerchen auf dem Bett halten darf.



Mit ihrer Kunstfertigkeit haben mich die Damen der Ritter begeistert. Diese filigrane Bändchenweberei besteht aus ganz dünnem Nähgarn. 



Die Reenactment-Gruppen im Lager haben auch großzügig ihr Equipment gezeigt, alles Dinge, deren ein Ritter bedarf und die sicher auch heute nicht ganz preiswert zu haben sind: Helme, Kettenhemden, Schilde, Schwerter, Gambesons ...





Und Zelte gab's, ein wahres Heerlager davon ...








... das vom Mittelalter bis an die Neuzeit im Hintergrund reichte.


Zum Schluss fand noch ein Turnier statt, und zwar ein echtes, ein Vorentscheid, ausgerichtet vom internationalen Tjostverband. Ja, so etwas gibt es wieder. Das heisst nichts anderes, als dass nach Jahrhunderten wieder Ritter - zwar diesselben Showritter wie vorher, aber das sind ja wohl auch die einzigen, die schon trainiert haben - in einem ritterlichen Wettkampf gegeneinander antreten. Martial Arts pur.
Die Stechbahn war sehr kurz und ganz unspektakulär aus Schwartenbrettern gezimmert, aber dafür wurde das Stechen von einem höfisch eleganten Turniermarschall geleitet. Da kann sich jeder FIFA-Schiedsrichter verstecken.



Und auch die Ritter konnten sich sehen lassen, obwohl der vordere doch eher ein Armer Ritter war, da er sich für sein Pferd nicht einmal eine Schabracke leisten konnte (vielleicht war die auch einfach noch im Wäschetrockner).



Die Ritter kamen aus verschiedenen Ländern, und egal ob Mittelalter oder Neuzeit - wie immer war der Italiener besonders schick.



Die Lanzen hatten Sollbruchstellen. Aber ich habe mich belehren lassen. Es gibt auch solche mit einer Krone, einer Dreikantspitze. Da wird besonders gut erkennbar, ob und wo ein Treffer gelandet wurde. Aber vielleicht will ich das dann doch nicht so genau wissen.




Sie freuen sich ganz offensichtlich, dass sie noch unversehrt im Sattel sitzen. Kein Wunder, die Stecherei sieht wohl nicht nur gefährlich aus.


Auch der Arme Ritter wirkt erleichtert.


Gewonnen hat den Tjost zum Schluss der Italiener. Ciao bello.


Das ist doch mal eine andere Augenweide als der olle Bungabunga-Cavalliere.



Mich hat das Spectaculum ein bisschen nachdenklich zurück gelassen. Für die frühen Ritter war ich zu spät dran, für die neuen Ritter war ich zu früh. Und vielleicht ist das auch gut so; denn die Lanzen sind zwar nicht so spitz wie Stricknadeln, aber sicher erheblich schwerer.



Dabei wäre ich so ein guter und edler Ritter geworden. Ich hätte die Lieder der hohen und niederen Minne gesungen (wohl vor allem letztere), hätte Witwen und Waisen beschützt und allerlei Prinzen vor bösen Drachen errettet.


Und niemals wäre ich besoffen auf mein Pferd gestiegen oder bei Rot über die Ampel getrabt. Aber man kann im Leben nicht alles haben, und was hätte ich denn, bitteschön, mit all den geretteten Prinzen anfangen sollen?

miscellanea

Kommentare:

  1. Liebe Miscellanea - wie immer hab ich mich beim lesen deines Posts herrlich unterhalten und ich wäre sehr gern dabei gewesen, bei diesem Fest.

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  2. Wieder so ein toller Bericht mit schönen Fotos. Das Fest hätte ich gerne besucht.
    LG
    Marianne

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  3. ich wollte nimmer Ritter sein,ne Princessin sollte es werden :-))schönes Ritterfest...
    wo kommen wohl die vielen Alepposeifen her,durch den Krieg sind 70% der Olivenbäume vernichtet und Aleppo selbst hat auch sehr viel abbekommen, da liegt fast alles in Schutt und Asche...

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  4. Grüß dich Petra,
    ich war daha!... und kann deine Eindrücke gänzlich, wenn auch leider nicht so wortgewaltig bestätigen. Ist ja quasi meine Heimat und übrigens die kleinste Gemeinde Bayerns (hab ich zumindest vor kurzem in einer Chronik über Gammelsdorf gelesen). War sicher ein Kraftakt für die 1600 Seelen-Gemeinde.
    Mich haben am meisten die en miniature nachgebauten vier Kirchen der Gemeinde beeindruckt. Sie führten am Sonntag den Festzug an und waren außerordentlich detailgetreu. Schindeln im Miniformat, Dachrinnen und Fallrohre aus Kupferröhrchen, Fensterlisenen und Zwiebeltürmchen, alles akribisch nachgebaut - Hut ab.
    Vom Streitlager bin ich wohl durch die Landshuter Hochzeit noch so gesättigt, nein eher übersättigt, daß mir Reiter und Pferde bei der Hitze eher leid taten als daß ich ihre Künste bewunderte. Aber das Schauspiel ist in der Tat nicht ganz ungefährlich, wie diverse Blessuren und auch kleinere (und einmal auch ein größerer) Unfälle bei bisher jeder LAHO eindrucksvoll beweisen.
    Eine Schlacht sollte in der Tat kein Grund zum Feiern sein, eher schon einer zur historischen Rückbesinnung. Wobei die Gammelsdorfer nur alle fünfzig Jahre öffentlich gedenken, da kann das Ganze schon in Feiern ausarten.
    Und dann stellt sich da natürlich noch die Frage, wie Bayern heute aussehen würde, wäre dieser Streit, der letzte wirkliche Ritterkampf des Mittelalters anders entschieden worden ;-)

    Ja, die Seifen haben mir auch leid getan. Und so manche Badepraline ist wohl aus lauter Rührung ob des historischen Geschehens schier zerflossen ... oder war es doch die Hitze?

    Liebe Grüsse
    Marlene

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Ich freue mich über euere Kommentare. Danke, dass ihr euch die Zeit dafür nehmt :-)))

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