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Freitag, 8. Juli 2016

La Passerella

Wir waren letzten Donnerstag unterwegs. Diesmal in Italien. Und wo? Wie einskommafünf Millionen andere Neugierige vor uns auch sind wir zum Lago d'Iseo, dem hübschen kleinen Bruder des Gardasees, gepilgert, um Großmeister Christo und einer seiner abgefahrenen Ideen zu huldigen und einmal auf goldgelbem Stoff, den Floating Piers, übers Wasser zu wandeln. Wir waren schon fast zu spät dafür. Denn das Kunstprojekt war bis Sonntag befristet. Und wir konnten nur am Donnerstag. Es war verrückt. Es war grandios. Und anstrengend. Und heiß, vor allem heiß. Aber dazu später.
Zuerst sind wir am Mittwoch Abend recht entspannt Richtung Brenner losgedüst. Außer uns waren nicht mehr viele Leute unterwegs, so dass wir hoffen konnten, rechtzeitig vor dem Massenansturm nach Sulzano und auf die Stege zu kommen. Es hat auch trotz Baustellen und Streckensperrungen und Müüüüdigkeit recht gut geklappt. Aber kurz vor Iseo war Schluss. Keine Weiterfahrt nach Sulzano. Da waren die Herren von der Polizei streng. Also parkten wir unser Auto in Iseo - für wuchtige 15 Euro! Das war um halb acht Uhr morgens und die Parkplätze waren schon fast voll. Der Besucheransturm hatte uns überholt. Da wir nicht eine Stunde oder mehr auf den Shuttlebus warten wollten, denn so lang war die Warteschlange, haben wir nach einigem Hin und Her mit zwei anderen Leutchen ein Taxi genommen. Das war zum Schluss sogar billiger als das Shuttle. 

Schritt für Schritt im Zickzack ums Rathaus herum

Nach 1,5 Millionen Paar Füßen ist
vom Goldgelb nicht mehr viel übrig

Eine geringfügige Menge anderer Leute
hatte die 
gleiche Idee wie wir

So richtig von der Masse durchgeknetet wurden wir dann beim Warten auf den Zugang zu "La Passerella". Die Schlange der Geduldigen wand sich vor und zurück rings um das Rathaus von Sulzano. Aber nach etwas mehr als einer Stunde war es dann so weit - wir waren auf dem Steg. 

Durch enge Gässchen ...

... bei dankenswerterweise noch
etwas diesigem Wetter ...

... hinaus auf den Steg Richtung
Monte Isola

Wie gesagt: Da waren noch ein paar andere Leute

Das Wetter war schon warm, aber noch gut erträglich, da es ja erst kurz nach neun Uhr vormittags war. Der erste, kürzere Teil des "Wasserwegs" ging bei Peschiera Maraglio auf Monte Isola an Land.

Auch ein Teil der Straßen auf der
Insel war mit gelbem Stoff belegt

Langsam wurde es recht warm, ...

... aber in den engen Gassen ...

... blieb es noch schön kühl.

Einer der hängenden Gärten auf
Monte Isola

Das Örtchen ist so typisch italienisch verwinkelt wie aus einem alten Film, mit Häusern, die sich übereinander an den steilen Berg dahinter schmiegen. Und weil es noch recht früh am Vormittag war, haben sich die Besucher auch ein bisschen verteilt. Es war nicht überfüllt.


Der Steg von Sulzano nach
Peschiera Maraglio

Weiter oben am Berg hatte man eine wunderbare Aussicht auf den See und die umliegenden Berge. Aber das längere Stück von "La Passerella" lag da noch vor uns. Und inzwischen wurde es richtig heiß. Doch der Steg lockte und wir wandelten weiter zu der kleinen Insel San Paolo, die vollständig von einer Villa und dem zugehörigen Garten eingenommen wird und ebenso vollständig von den Floating Piers eingekreist war.


Blick zurück nach Monte Isola ...

... auf dem Weg nach San Paolo

In San Paolo war es dann schon so blutig heiß, dass die Leute wie die Fliegen an den schattigen Mauern klebten, um wenigstens etwas Kühlung zu erfahren. In den wunderbar kühl-verlockenden Garten der Villa durfte man natürlich nicht. Die Eigentümer hätten sich schön bedankt, wäre die gesamte Bevölkerung einer Kleinstadt zu Besuch gekommen und zwar alle auf einmal.

Rückweg über Senzano - Zuerst auf
dem Wasser ...

Es lief sich aber erstaunlich gut auf dem schwimmenden Steg. Das Material federte bei jedem Schritt, doch nicht zu weich. Manchmal geriet der Weg ins Schwingen, sei es durch die Wasserbewegungen unter ihm oder durch die Schritte der vielen Menschen auf ihm. Durch das nachgiebige Material fühlte ich mich dem Wasser wesentlich näher als auf dem Deck eines Schiffs. Aber das Schwanken war gleich.


... dann am Ufer entlang.
Ameisenstraße nach San Paolo.

Endlich in Senzano angekommen, konnten wir glücklicherweise im spärlichen Schatten weitergehen, den die Bäume der Uferpromenade spendeten. Denn inzwischen waren wir ziemlich durchgebraten.



So ein Häuschen an der Promenade
stünde mir äußerst gut zu Gesicht 

Aber wir hatten Glück und fanden ein nettes Plätzchen im Schatten, wo man eisgekühltes Wasser schlürfen und dem Geschrammel der Zikaden in den Bäumen lauschen konnte. Nun, Lauschen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn die Lautstärke dieser Tierchen hätte eine Heavy Metal Band alt aussehen lassen, sehr alt. Doch ich mag die Zikaden und ihre ohrenbetäubende Liebeswerbung. Das gehört zum Süden, wie der Duft von heißem Gras und das flirrende Sonnenlicht. Die Leute, die dort wohnen, sind erfahrungsgemäß oft weit weniger begeistert von dieser speziellen Variante des Minnesangs. Aber damit ihr einen Eindruck bekommt, habe ich ein schrecklich schlechtes Filmchen mit der Zikadentruppe von Peschiera Maraglio aufgenommen, sozusagen "live in concert".

video


Schließlich haben wir uns entschieden, das Refugium unter den Bäumen zu verlassen und per Schiff nach Iseo zurück zu fahren. Die Wartezeit wurde sinnvollerweise mit einem Nickerchen gefüllt. Dann auf dem Schiff: Ein laues Lüftchen über dem Wasser, die herrliche Landschaft - Was will man mehr?

"Bella Italia" gibt's auch ohne Meer

Zurück in Iseo mussten wir erst unser Auto suchen, weil wir uns am Morgen vor lauter Müdigkeit die Straße, in der unser Parkplatz war, nicht gemerkt hatten. Aber wenigstens waren wir einigermaßen sicher, es in Iseo abgestellt zu haben.


Kleine Stärkung im Schatten vor der
langen Heimfahrt

Vergnügungssüchtig, wie wir sind, und weil unser deppertes Navi - es hatte im heißen Auto einen zum Glück nur vorübergehenden Hitzschlag erlitten - uns so geführt hat, sind wir noch die Uferstraße des Gardasees entlang gegondelt. Ein wunderbarer See! Die ganze Landschaft wirkt, als wäre sie extra dazu geschaffen worden, von Erholungssuchenden bereist zu werden.

Der Gardasee im Abendlicht. Der
Anblick macht die Seele weit.

Ein verborgener Pfad führt steil ans
Wasser hinunter - Surferplätzchen

Nicht nur die Seele möchte
entspannen, auch ein Paar tapferer
Füße genießt den See

  Nachts um halb zwei waren wir endlich zuhause, nachdem uns noch ein Mordsgewitter fast den Brenner wieder hinuntergeschwemmt hätte, und konnten nach fast 45 Stunden endlich wieder in ein Bett fallen. Aber es hat sich gelohnt. Denn, wie heißt es so schön: Am Schluss bereut man immer die Dinge, die man nicht getan hat, und da vor allem die Verrücktheiten. Ich denke, dazu könnte auch mir noch das Eine oder Andere zur Abhilfe einfallen.
Übrigens: Nach ein paar Stunden Schlaf sind wir gleich wieder aufgebrochen - Ein gemeinsames Wochenende in Bayreuth mit Freunden. Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?

miscellanea

1 Kommentar:

  1. Oh, wie fein, eine kunstbeflissene Dame ist den Christoweg gegangen.... War aber eine Volkswanderung, mein lieber *Herrgesangsverein*... Tolles Erlebnis
    Lieben Gruss,Sibylle

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Ich freue mich über euere Kommentare. Danke, dass ihr euch die Zeit dafür nehmt :-)))

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